1. Advent (27.11.2022)

Johannes der Täufer ist eine adventliche und damit aktuelle Gestalt. Im
Johannesevangelium, das keine Weihnachtserzählung kennt, sondern an seinem
Anfang vielmehr ein Lied auf den göttlichen Logos/das Wort, das unter uns
Fleisch werden soll, ist Johannes der Täufer in dieses Lied gleichsam
hineingewoben – wenn auch mit einem etwas holprigen Einstieg. Ἐγένετο
ἄνθρωπος: Es wurde ein Mensch, gesandt von Gott, sein Name Johannes
(Joh 1,6)– so die wörtliche Übersetzung. Er war nicht selbst das Licht, er
sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht (Joh 1,8), heißt es dann weiter.
Das Wesen des Menschen Johannes wird zum einen klar unterschieden
von Gott, zum anderen aber in Bezug zu Gott dargestellt, er ist Zeuge für
das Licht. Da regt sich Widerspruch, wir Menschen sind „nur“ Zeugen für
das Licht? Nicht selber Licht?


Was der Mensch ist, wer er ist, ist keineswegs eine neue Frage. Vor 200
Jahren gab die Aufklärung den Menschen mit Nachdenken und Verstand
Waffen in die Hand, sich vermeintlich aus dieser Abhängigkeit oder
Zeugenschaft, wie sie vom Täufer geschildert wird, zu lösen, sich als
Mensch selbst zu finden. Sapere aude, wage zu wissen, sei deiner selbst
bewusst. In den vergangenen 200 Jahren hat diese Loslösung von diesem
Gott zu einer säkularen Welt in diesen Breiten geführt. Die Folge war
leider nicht das Paradies auf Erden, sondern Ideologien, die an die
vakante Stelle Gottes getreten sind, Nationalismus, Biologismus,
Totalitarismus usw. Der Platz Gottes wurde immer ausgefüllter, von einer
echten „Befreiung“ kann man da nicht reden, nicht mal die, die heute
noch immer mit der Brille der humanistischen Spätaufklärer jeden
christlichen Einfluss auf unsere Zeit befreiend ausmerzen wollen. In
unserer Zeit hat die Erfindung des Internets die Welt noch einmal
revolutioniert, weil es global zusammenführte, man wird sie später wohl
durchaus als eine der größten Wendepunkte der Menschen sehen. Die
Kehrseite dieses kurzen Glücks sucht uns gerade heim.

Krisenzeiten hat es immer gegeben, auch weltumspannende, und wie
immer ziehen sie gerade dort, wo es wie bei uns bis dahin wirtschaftlich
nur aufwärts ging und wir uns an die Selbstverständlichkeit des
Wohlstandes gewöhnt hatten, eine Frage zutage, die in diesem
Johannesevangelium kurz und bündig gesagt wird: Es wurde ein
Mensch! Was ist der Mensch, was macht mich zum Menschen? Was
geben wir in die Zukunft für ein Menschenbild mit?


Johannes der Täufer wird als Mensch nur beschrieben im Hinblick auf
Gott, also auf einen anderen. Der Evangelist stellt den Johannes als einen
dar, der ganz aufgeht im Zeigen auf Jesus. Eine Anleitung zur Demut?
Ein moralischer Zwang zur Demut? Obacht!


Die Demut ist eine wichtige und auch eine gefährliche Tugend. Es gibt
Leute, die nicht zu sich selbst stehen können, sich immer an anderer
anhängen, ohne Profil bleiben und nur nicht auffallen wollen. Sie geben
sich demütig und verstecken damit ihre Mutlosigkeit. Sie sind die
eigentlichen Schönlinge unserer Zeit, immer das sagen, was man hören
will, immer glänzen wollen, das Goldstück auf dem Markt des Lebens.
Das ist Schwäche. Oder aber die protzige Demut. sie benutzt ihre
Einfachheit, ihre Bescheidenheit, um über andere zu herrschen. Ihnen zu
zeigen, wie uneitel man doch ist, wie unbestechlich, diese „Demut“
wandelt wie ein lebendes schlechtes Gewissen bei ihren Zeitgenossen,
und will doch nur eines, Macht ausüben mit ihrer Unbestechlichkeit.


Seit der Aufklärung zieht sich diese Art Demut wie ein roter Faden durch
die herrschenden Klassen, vor allem in Staat und Kirche, ist sie Mittel der
Propaganda, angefangen bei Friedrich II. (Begrabt mich bei meinen
Hunden) oder Josef II., der Bilder von sich in der ganzen Monarchie
verbreiten ließ, als er höchstselbst in Böhmen einen Acker pflügte, der
dann später in einem schlichten Metallkasten beigesetzt wurde, direkt

vor dem meterhohen Grabmal seiner Mutter Maria Theresia. Wer einmal
davor steht, dem springt diese protzige Demut ins Gesicht.


Hinter der Demut des Täufers Johannes steckt eine Lebensweisheit,
echtes Mensch-Sein. Jesus greift sie auf, wenn er sagt: "Wer an seinem
Leben hängt, verliert es" (Joh 12,25). Im erwähnten Johannesprolog
heißt es über den Täufer Johannes: "Er war nicht selbst das Licht, er
sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht." Das "nur" in dem Satz ist
falsch; eine irreführende Übersetzung, denn das Wörtchen steht nicht im
Original: Zeuge für das Licht Gottes zu sein ist nie ein "nur", sondern das
höchste Glück. Nie bin ich mir so nahe, nie so sehr ich selbst, als wenn
ich aufhöre, den Schatten meiner selbst darzustellen.
Für was und wen sind wir Zeugen? Für uns allein? Es kann eine
adventliche Übung sein, das Leben so anzuschauen: für was und für wen
stehe ich, bin ich Zeuge, Zeuge einer geglückten Partnerschaft oder
Freundschaft. Nicht das Kreisen um mein Ich, wenn ich möglichst viele
um mich an Festen rumhaben will, die sich mit mir die Zeit vertreiben
und mich von mir selbst und einer inneren Leere ablenken, sollte uns
fehlen. Dann geht das Ganze schon in die Richtung einer geistigen
Selbstbefriedigung, bei der die anderen nur einen Zweck haben. Fehlen
sollte uns vielmehr, wenn es wirklich niemanden geben sollte, der mir in
diesen Tagen sagt, wie wichtig ich für ihn bin, der damit Zeugnis für mich
ablegt.


Jede Krippe ist in gewisser Weise eine Liebeserklärung Gottes an mich!
Gott wurde Mensch, auch wegen mir! Das macht mich zum Menschen.
Zeuge für das Licht sein, das Gott in mein Leben bringt, oder – wenn es
sein muss, allein für einen einzigen Menschen, das ist nie ein „nur“,
sondern es spricht dafür, dass ich Mensch bin!

Ich wünsche Ihnen für die kommende Zeit dieses Glück zu spüren,
Zeugin und Zeuge sein zu dürfen für einen Menschen, für den Sie wichtig
sind!

 

(Pfarrer Dr. C. K. Steger, Schlosskirche Bayreuth)

Weihnachten (24. Dezember 2022)

Das Fest von Weihnachten bringt in uns eine ganze Menge zum Schwingen. Und ganz offensichtlich kann sich ihm niemand entziehen. Vorfreude, Melancholie ob des wieder endenden Lebensjahres und der Ungewissheit der Zukunft, manchmal auch nur die Vorfreude auf den Tag danach, wenn es endlich vorbei ist. Tatsächlich können diese Tage eines schon, uns überfordern, uns auf die Grenzen unseres so stolzen aufgeklärten Menschseins hinweisen. An diesem Fest reibt sich der seiner selbst bewusste smarte Zeitgenosse an der Frage, was er eigentlich ist?! Wann ist er, besser wie lange ist er etwas „wert“, wann sollte er besser einsehen, dass er nur noch eine Belastung ist, die nichts mehr „nützt“ – die Diskussion der aktuellen Regierung um den assistierten Suizid macht die Türen weit auf zu einer Grundsatzfrage, wann wir was wert sind!? Wem gebe ich dann heuer in Zeiten der Knappheit von Medikamenten, die selten gewordenen Arzneien? Zu wem gehöre ich? Wer gehört zu mir?! Der Anfang des Johannesevangeliums bringt es auf den Punkt: Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Hegesias, ein griechischer Philosoph des 3. Jahrhunderts v. Chr. trieb es soweit, dem Leben nur dann Wert zuzumessen, wenn man es ohne den geringsten Schmerz erleben könne, wenn nicht, dann solle man es ohne weiteres beenden, er bekam sogar den Beinamen: Peisithanatos, wörtlich, der zum Tod Überredende.  "Freitod" ist ein Ausdruck bei uns, der auf das philosophische Werk "Also sprach Zarathustra" (1884) von Friedrich Nietzsche zurückgeht. Darin heißt es: "Den freien Tod predige ich Euch, der nicht heranschleicht wie Euer grinsender Tod, sondern der da kommt, weil ich es will."

Mit einem solchen Denken geht auch eines einher: Eine Falle! Es ist eine für den Menschen typische Falle: wer unserer Eitelkeit schmeichelt, der kann sich seines Erfolges bei vielen von uns sicher sein. Und diese Falle ist enorm:  Der Mensch tut so, als ob er tatsächlich autonom sei. Der Mensch ist kein in sich geschlossenes autonomes Individuum. Er ist kompatibel, offen für Gott, nach dem er sich bewusst oder unbewusst sehnt. Ja, ich behaupte, er braucht Gott, um Mensch zu sein. Wenn er das vergisst, wird seine Welt in Folge seiner gewollten Gottlosigkeit keine Spur menschlicher, wir brauchen Gott, um menschlich zu sein. Mensch, ein Wesen, das sich seiner Schönheit und Würde bewusst ist in dem Augenblick, in dem es sich seiner Gottebenbildlichkeit bewusst ist. Es ist müßig, sich all der Beispiele zu erinnern, bei denen Menschen in der Geschichte Gott los werden wollten und zum Tier mutierten, und ich bin mir bewusst, dass Tiere besser sein können als wir! Und dann wurde munter entschieden, was menschlich wertvoll ist und was nicht. Vorsicht, die Büchse der Pandora lässt grüßen, jeder kann sehr wohl in die Lage kommen, dass andere zu uns dann logisch sagen: Du, sieh es doch ein, Du nützt uns nichts mehr, steh nicht im Weg.

Der Mensch ist offen für Gott selbst. Er ist nicht in sich abgeschlossen, gleichsam autark, er kann sich weder selbst erschaffen, noch selbst erlösen. Das erlösende Wort, die erlösende Tat kommt immer von einem Du, das zu mir eben dieses Wort sagt: Du bist, Du bist schön, Du bist gut, Du bist mein Mensch. Da beginnt Erlösung, wir schenken sie menschlich sogar oft, vollendet schenkt sie allein Gott dem Menschen. Er ist auf Gott hin geschaffen, sein Menschsein sehnt sich mit allen Fasern seines Lebens nach dem Ganzen, gerade da, wo er sich als Teil, als Fragment, gerade als hinfälliges wahrnimmt.

In der Weihnachtszeit soll uns genau dieser Aspekt begleiten. Mensch, Du bist wer!

Gerade in diesen Tagen überfällt uns dann auch unser ganzes Fragment-Sein, unsere Hilflosigkeit, wann immer wir allein sind. Beschämen wir uns nicht selbst, in der Meinung, uns klein zu machen, wenn wir dazu stehen, dass wir bruchstückhaft sind, dass wir Gottes bedürfen. Heben Sie heute nicht zu sehr den Kopf, voller menschlichem Stolz, dann sehen Sie nicht, dass auf dem Boden das Kind liegt, Gott da ist. Wer diese Hand Gottes im Kind von Bethlehem annimmt, der erfährt, dass er ganzer Mensch ist.

 

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